ADHS und Bindungsstile
ADHS und Bindungsstile
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, oder ADHS, wird heute als multifaktoriell bedingte neuroentwicklungsbezogene Störung anerkannt, die durch persistente Muster und Verhaltensweisen gekennzeichnet ist, insbesondere: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und/oder Hyperaktivität, die das persönliche, schulische, berufliche und zwischenmenschliche Funktionieren beeinträchtigen. Die jüngste internationale Literatur unterstreicht, dass ADHS weder auf eine einfache „schlechte Erziehung“ noch auf eine reine Verhaltensdysregulation reduziert werden kann. Es handelt sich um eine komplexe Störung, die mit genetischen, neurobiologischen, kognitiven, temperamentbezogenen und umweltbedingten Faktoren verbunden ist; daraus ergibt sich ihr vielschichtiger Ursprung, der aus verschiedenen miteinander interagierenden Faktoren hervorgeht (Faraone et al., 2021).
In den letzten Jahren ist neben neuropsychiatrischen und neuropsychologischen Modellen, die sich auf exekutive Funktionen, anhaltende Aufmerksamkeit, inhibitorische Kontrolle, Arbeitsgedächtnis sowie emotionale und motivationale Regulation konzentrieren, auch das Interesse an der Beziehung zwischen ADHS und Bindung gewachsen. Die klinische Fragestellung ist von zentraler Bedeutung und ergibt sich aus dem immer dringlicheren Bedürfnis, Eltern von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS Strategien für den Umgang im Familienalltag zu vermitteln und zugleich die Besonderheiten der Eltern-Kind-Beziehung besser zu verstehen, die sich manchmal nur schwer erklären lassen. Verläuft die Bindungsentwicklung eines jungen Menschen mit ADHS nach einer typischen Bahn? Beeinflussen Aufmerksamkeits- und Verhaltensprobleme die Qualität früher Beziehungen, oder trägt vielmehr der Bindungsstil zur Ausprägung und Persistenz der ADHS-Symptomatik bei? Die heute vorsichtigste Antwort lautet: transaktional. ADHS und Bindung scheinen sich im Laufe der Zeit gegenseitig zu beeinflussen, ohne dass eine der beiden Ebenen vereinfachend als alleinige „Ursache“ der anderen betrachtet werden kann (NICE, 2018).
Aus neuropsychologischer Sicht kann das ADHS-Profil Schwierigkeiten in der inhibitorischen Kontrolle, der Planung, der kognitiven Flexibilität, dem Arbeitsgedächtnis, der emotionalen Regulation und der Steuerung der Aufmerksamkeitsanstrengung umfassen. Allerdings zeigen nicht alle ADHS-Patienten dasselbe Profil: Einige weisen vorwiegend Unaufmerksamkeit auf, andere Hyperaktivität-Impulsivität, wieder andere eine Kombination aus exekutiven, emotionalen und motivationalen Vulnerabilitäten.
Dieser Punkt ist klinisch wesentlich, da ADHS zwar ein Problem der „Aufmerksamkeit“ ist, zugleich aber auch eine umfassendere Schwierigkeit darstellt, sich angesichts äußerer und innerer Anforderungen selbst zu regulieren. Gerade in diesen Zusammenhängen wird das Thema Bindung relevant.
Was hat Bindung damit zu tun?
Die Bindungstheorie stellt einen der einflussreichsten theoretischen Rahmen der Entwicklungspsychologie, der entwicklungsbezogenen Psychopathologie und der modernen Neurowissenschaften dar. Ursprünglich von John Bowlby zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren formuliert, entstand sie aus der Integration von Beiträgen aus Psychoanalyse, Ethologie, Systemtheorie, Kybernetik und Evolutionsbiologie. Die grundlegende Intuition betraf das Bedürfnis von Kindern nach emotionaler Nähe und Schutz, verstanden nicht nur als sekundäres Phänomen im Zusammenhang mit der Befriedigung physiologischer Bedürfnisse, sondern als eigenständiges primäres Motivationssystem, das evolutionär selektiert wurde, um Überleben und Regulation zu gewährleisten (Bowlby, 1969/1982). Der Theorie zufolge sucht das Kind die Bindungsperson nicht nur zur Nahrungsaufnahme auf, sondern um Sicherheit, Schutz und emotionale Organisation zu erhalten.
Nach Bowlby wird das Bindungssystem unter Bedingungen von Gefahr, Trennung, Schmerz, Stress oder Vulnerabilität aktiviert. Die biologische Funktion dieses Systems besteht darin, die Nähe zu einer als schützend wahrgenommenen Person aufrechtzuerhalten (Bowlby, 1969/1982). Reagiert die Bindungsperson ausreichend vorhersehbar und responsiv, entwickelt das Kind ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, größere Explorationsfähigkeit und emotionale Selbstregulation. Sind die Reaktionen hingegen inkonsistent, zurückweisend, intrusiv oder beängstigend, kann sich das Bindungssystem in unsicheren oder desorganisierten Formen organisieren. Man spricht daher von inneren Arbeitsmodellen (Internal Working Models, IWM), um jene impliziten Repräsentationen des Selbst und des Anderen zu beschreiben, die aus frühen Beziehungserfahrungen hervorgehen und emotionale, relationale und regulatorische Erwartungen steuern. Diese Modelle spiegeln die etablierte Bindung wider und bilden die Grundlage der späteren Beziehungsstile eines Individuums im Laufe seines Lebens.
Die Theorie fand Bestätigung durch die Arbeiten von Mary Ainsworth. Durch die berühmte Strange Situation Procedure (SSP; Ainsworth et al., 1978) identifizierte Ainsworth verschiedene Bindungsmuster, indem sie das Verhalten von Kindern in Situationen der Trennung und Wiedervereinigung mit der Bezugsperson beobachtete. Sie unterschied vier verschiedene Bindungstypen:
1. Sichere Bindung: Das Kind nutzt die Bezugsperson als sichere Basis; diese „Sicherheit“ zeigt sich in moderaten Protestreaktionen bei Trennung und in der Suche nach Trost bei der Wiedervereinigung. Das Kind beruhigt sich wirksam, und dieser Bindungstyp ist mit besserer emotionaler Regulation, größerer sozialer Kompetenz, besserer Mentalisierung und höherer psychischer Resilienz verbunden.
2. Unsicher-vermeidende Bindung: Das Kind minimiert den emotionalen Ausdruck, vermeidet den Kontakt bei der Wiedervereinigung und wirkt übermäßig autonom. Diese Organisation wird als adaptive Strategie in Kontexten interpretiert, die durch emotionale Zurückweisung oder geringe Responsivität der Bezugsperson(en) gekennzeichnet sind.
3. Unsicher-ambivalente/resistente Bindung: Das Kind sucht intensiv die Nähe der Bezugsperson, hat Schwierigkeiten, sich zu beruhigen, wechselt zwischen Nähebedürfnis und Ärger und zeigt emotionale Hyperaktivierung. Dieses Muster tritt häufig in relational unvorhersehbaren Kontexten auf.
4. Desorganisierte Bindung: Dieses theoretische Konstrukt, eingeführt von Mary Main und Judith Solomon, beschreibt eine Bindung, bei der das Kind widersprüchliche Verhaltensweisen zeigt, in Bewegungen und Affekten „erstarrt“, stereotype Bewegungen und Angst gegenüber der Bezugsperson zeigt und in Beziehungen desorientiert wirkt (Main & Solomon, 1986). Die Desorganisation entsteht typischerweise dann, wenn die Bindungsperson gleichzeitig Quelle von Schutz und Quelle von Angst ist. Aus entwicklungspsychologischer Sicht entsteht dadurch ein biologisches Paradox, da das Bindungssystem das Kind zu jener Person drängt, die zugleich das Abwehrsystem aktiviert.
Eine sichere Bindung bedeutet nicht die Abwesenheit von Frustration oder übermäßigen Schutz, sondern vielmehr, dass das Kind eine ausreichend verlässliche Beziehungsbasis erlebt, von der aus es die Welt erkunden und zu der es in Stressmomenten zurückkehren kann. Unsichere oder desorganisierte Bindungen hingegen können mit größeren Schwierigkeiten in der emotionalen Regulation, der Frustrationstoleranz, der Mentalisierung und der Modulation besonders „aktivierender“ Reize verbunden sein.
Es muss betont werden, dass unsichere und desorganisierte Bindungen – bei denen regulatorische Fähigkeiten und das Sicherheitsgefühl beeinträchtigt sind – nicht automatisch psychische Störungen wie ADHS „verursachen“. Sie können jedoch die Ausprägung der Symptome modulieren, emotionale Dysregulation verstärken, die Qualität familiärer Interaktionen verschlechtern und den klinischen Verlauf komplizieren.
Was sagt die Forschung?
Eine Metaanalyse zu Bindung und Aufmerksamkeitsproblemen fand einen Zusammenhang zwischen unsicherer Bindung und Aufmerksamkeitsproblemen bei Kindern und Jugendlichen. Der Effekt stellt jedoch keinen direkten Kausalitätsnachweis dar, sondern zeigt vielmehr, dass Kinder mit unsicherer oder desorganisierter Bindung häufiger Aufmerksamkeitsprobleme aufweisen als Kinder mit sicherer Bindung (Pallini et al., 2019).
Wird der Fokus direkt auf ADHS gelegt, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Kernsymptome der Störung die Bindungsdynamik beeinflussen können: Ein impulsives, desorganisiertes, emotional reaktives oder schlecht reguliertes Kind kann für Bezugspersonen schwerer zu begleiten sein – insbesondere wenn diese selbst gestresst, vulnerabel, wenig unterstützt oder ihrerseits Träger von ADHS-Merkmalen sind.
Längsschnittstudien haben zudem bidirektionale Zusammenhänge zwischen ADHS-Symptomen und der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung gezeigt. Insbesondere Feindseligkeit, Zurückweisung, geringe Responsivität oder coercive Interaktionen können zur Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung von Verhaltensproblemen beitragen, während die ADHS-Symptome des Kindes elterlichen Stress und weniger sensible Erziehungsreaktionen verstärken können (Lifford et al., 2008).
Eine weitere aktuelle Studie zu Bindungsrepräsentationen bei Kindern mit und ohne ADHS zeigte eine höhere Präsenz unsicherer oder desorganisierter Repräsentationen bei Kindern mit ADHS und stärkte damit die Hypothese, dass die relationale Dimension in die klinische Formulierung einbezogen werden sollte (Dekkers et al., 2021).
Um die zahlreichen faktoriellen Nuancen der Bindung bei Menschen mit ADHS zusammenzuführen, wurde ein transaktionales Modell entwickelt, in dem das Kind nicht nur symptomatisch ist und der Kontext nicht ausschließlich „verursachend“ im Hinblick auf die Symptomatik betrachtet wird. In diesem Modell bringt das Kind neurobiologische und temperamentbezogene Vulnerabilitäten mit, während die Bezugsperson mit mehr oder weniger Sensibilität, Kohärenz und Regulationsfähigkeit auf diese Merkmale reagiert. Die alltägliche Beziehung kann somit Schwierigkeiten der Selbstregulation abschwächen oder verstärken (Kissgen & Franke, 2016). Beobachtet wird letztlich das wechselseitige Zusammenspiel von ADHS-Symptomen, familiärem Stress, Erziehungspraktiken und Bindungsqualität im Zeitverlauf.
Diese Perspektive vermeidet zwei gegensätzliche Fehler:
- auf „übermäßig“ biologische Erklärungen zurückzugreifen und die Rolle des relationalen Umfelds zu ignorieren;
- die Dysfunktion ausschließlich auf die psychologische Ebene zurückzuführen und ADHS auf „familiäre Probleme“ oder vermeintliche emotionale Defizite zu reduzieren.
Beide Positionen sind reduktionistisch.
ADHS ist eine reale neuroentwicklungsbezogene Störung; Bindung ist einer der grundlegenden Kontexte, innerhalb derer diese Störung reguliert, erlebt und mit Bedeutung versehen wird.
ADHS, emotionale Regulation und Bindung
Viele ADHS-Patienten zeigen klinisch relevante emotionale Schwierigkeiten, darunter besonders häufig Reizbarkeit, geringe Frustrationstoleranz, intensive Reaktionen, Zurückweisungssensibilität, motivationale Schwankungen und Schwierigkeiten, sich nach emotionaler Aktivierung wieder zu stabilisieren. Diese Aspekte gehören nicht immer zu den Hauptdiagnosekriterien, stehen jedoch oft im Zentrum des alltäglichen Leidens.
Eine sichere Bindung kann als eine Art „regulatorische Infrastruktur“ fungieren: Das Kind verinnerlicht schrittweise Strategien der Beruhigung, des emotionalen Haltens und der emotionalen Organisation. Bei Vorliegen von ADHS kann dieser Prozess jedoch mühsamer sein, da das Kind möglicherweise mehr Co-Regulation, mehr Wiederholung, mehr Vorhersehbarkeit und mehr Geduld benötigt. Umgekehrt kann ein inkonsistentes, strafendes oder hochgradig unvorhersehbares Beziehungsumfeld die Dysregulation verschärfen. Das Kind mit ADHS kann sich als „zu viel“, „falsch“ oder „unkontrollierbar“ erleben und negative Vorstellungen über sich selbst und andere entwickeln, verbunden mit Gefühlen von Unzulänglichkeit, Überempfindlichkeit gegenüber Kritik und Vermeidungsverhalten sowie einer Wahrnehmung von Beziehungen als „Räume“, in denen es sich verletzlich und fehlerhaft fühlt.
Implikationen für die neuropsychologische Diagnostik
Auch aus neuropsychologischer Sicht wird zunehmend deutlich, wie wichtig es ist, ADHS und Bindung gemeinsam zu berücksichtigen, ohne dabei die beiden diagnostischen Ebenen zu vermischen. Es handelt sich vielmehr um eine Erweiterung der klinischen Fallkonzeption.
Aus diesem Grund ist es im Rahmen der Diagnostik wichtig, zwischen ADHS, komplexem Trauma, Bindungsstörungen, Angststörungen, Depressionen und sekundärer emotionaler Dysregulation zu unterscheiden. Diese Zustände können sich auf Verhaltensebene überschneiden, da viele typische Merkmale von ADHS – wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Überaktivierung, Reizbarkeit und schulische Schwierigkeiten – in sehr unterschiedlichen symptomatischen Profilen auftreten können (Konowałek et al., 2021).
Therapeutische Implikationen
Internationale Leitlinien und klinische Quellen empfehlen multimodale Interventionen, die an Alter und Schweregrad des Störungsbildes angepasst sind. Bei kleinen Kindern gilt verhaltenstherapeutisches Elterntraining als zentrale Intervention; bei älteren Kindern und Jugendlichen können schulische Maßnahmen, Psychoedukation, individuelle Kompetenztrainings, familiäre Unterstützung und – wenn angezeigt – pharmakologische Therapien integriert werden.
Eine bindungsorientierte Perspektive kann die oben genannten therapeutischen Interventionen auf spezifischere Weise bereichern. Beispielsweise kann Elterntraining wirksamer sein, wenn es sich nicht nur auf das Vermitteln verhaltenstherapeutischer Techniken beschränkt, sondern Eltern hilft, die relationale Bedeutung der Verhaltensweisen ihres Kindes zu verstehen. Das bedeutet, die tatsächlichen kommunikativen Absichten und die impliziten Unterstützungsbedürfnisse hinter den verschiedenen Verhaltensweisen des Kindes zu erkennen.
Ein konkretes Beispiel: Ein Kind, das ständig unterbricht, sich aufregt, Dinge vergisst, Gegenstände verliert oder emotional explodiert, „fordert“ den Erwachsenen nicht zwangsläufig heraus. Häufig zeigt es vielmehr eine Schwierigkeit der Selbstregulation. Der zentrale klinische Schritt besteht darin, Bezugspersonen dabei zu helfen, von einer „moralischen“ Interpretation der missverstandenen Verhaltensweisen ihres Kindes zu einer „regulatorischen“ Sichtweise überzugehen.
Die Rolle der Eltern: Halt, Struktur und Feinabstimmung
In der klinischen Arbeit mit Familien von Kindern mit ADHS sind drei Dimensionen besonders wichtig. Die erste ist Struktur. Das Kind mit ADHS profitiert von klaren Routinen, vorhersehbaren Regeln, unmittelbarem Feedback, wenig chaotischen Umgebungen und konkret formulierten Anforderungen.
Die zweite ist Feinabstimmung bzw. emotionale Einstimmung. Die Bezugsperson muss lernen zu erkennen, wann das Kind überfordert, frustriert oder desorganisiert ist, und eingreifen, bevor die Eskalation unkontrollierbar wird.
Die dritte ist Reparatur. Familien mit ADHS erleben häufig Konfliktzyklen: Vorwürfe, Misserfolge, nicht eingehaltene Versprechen und Schuldgefühle. Die relationale Reparatur wird grundlegend, um zu verstehen, wie man nach Streitigkeiten oder dysfunktionalen Dynamiken, die zuvor alle Beteiligten erfasst haben, wieder neu beginnen kann. Im Sinne der Bindung entsteht Sicherheit nicht aus elterlicher Perfektion, sondern aus Vorhersehbarkeit, Responsivität und der Fähigkeit, interaktive Brüche zu reparieren (CDC, 2024).
ADHS im Erwachsenenalter und Bindung
Die Beziehung zwischen ADHS und Bindung betrifft nicht nur die Entwicklungsphase.
Im Erwachsenenalter kann ADHS mit Schwierigkeiten in der Regulation intimer Beziehungen verbunden sein:
kommunikative Impulsivität, Zurückweisungssensibilität, Alltagsdesorganisation, motivationale Instabilität
und Schwierigkeiten im Umgang mit Konflikten.
Einige Studien haben die Rolle des erwachsenen Bindungsstils, der emotionalen Regulation
und früher familiärer Erfahrungen bei Patienten mit ADHS untersucht.
Insbesondere kann das Vorhandensein von ADHS-Symptomen bei Eltern den Erziehungsstil
und die emotionale Regulation der Kinder beeinflussen und auf eine intergenerationale
Weitergabe hinweisen, die nicht nur genetisch, sondern auch relational und umweltbedingt ist
(Edel et al., 2010).
In der Erwachsenenklinik ist es daher sinnvoll, die Untersuchung über die Aufmerksamkeitsprobleme hinaus
zu erweitern und auch zu berücksichtigen, wie der Patient Jahre von Misserfolgen, Kritik,
Missverständnissen oder nicht gestellten Diagnosen verinnerlicht hat;
also das Muster der Reaktionen auf die im Laufe des Lebens erlebten Schwierigkeiten
(Coping-Strategien) einzubeziehen.
Viele Erwachsene mit ADHS kommen tatsächlich mit tief verwurzelten Erfahrungen oder Erinnerungen
von Scham, Selbstabwertung und belastenden Beziehungen zur Diagnostik.
Fazit
ADHS und Bindung sind keine zwei alternativen Erklärungen desselben Phänomens.
Sie stellen zwei unterschiedliche, aber voneinander abhängige Ebenen menschlichen Funktionierens dar.
ADHS beschreibt eine neuroentwicklungsbedingte Vulnerabilität der aufmerksamkeitsspezifischen,
verhaltensbezogenen, emotionalen und motivationalen Selbstregulation.
Bindung beschreibt die relationale Matrix, innerhalb derer diese Vulnerabilität aufgenommen,
reguliert, verstärkt oder transformiert wird.
Für den Kliniker bedeutet die Integration dieser beiden Ebenen, sowohl biologischen Reduktionismus
als auch familiäre Schuldzuweisungen zu vermeiden.
Es bedeutet anzuerkennen, dass ein Kind mit ADHS nicht nur Kontrolle braucht, sondern Co-Regulation;
nicht nur Regeln, sondern zugleich emotionale Vorhersehbarkeit;
nicht nur symptomatische Behandlung, sondern Beziehungen,
die die Entwicklung des Selbst unterstützen können.
Aus dieser Perspektive kann neuropsychologische, psychotherapeutische und psychoedukative Arbeit
differenzierter werden, indem die regulatorische Funktion bestimmter Verhaltensweisen verstanden,
die Kontextanalyse in die Defizitmessung integriert und schließlich die Störung behandelt wird,
ohne dabei zu vergessen, die Person selbst zu unterstützen.
Psychologe
Matteo Bontempelli
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