Doppelte Außergewöhnlichkeit: ADHS und Hochbegabung.

Autorin: Dr. Ilaria Obbili, Psychotherapeutin – Sanitätsdirektorin PECOM
der Fachambulanz PECOM – Bozen (Südtirol)

Das Talent ist ein starker Motor, aber wenn man ihn ständig „am Begrenzer“ hält, überhitzt er.

Die doppelte Außergewöhnlichkeit (2E) beschreibt Kinder und Jugendliche mit hohem kognitivem Potenzial (HKP) in Kombination mit einer Störung der neurologischen Entwicklung (u. a. ADHS, LRS, Autismus usw.). Dabei geht es nicht „nur“ um Diagnostik: Das Thema ist klinisch, schulisch und identitätsbezogen.

Das häufigste Risiko? Dass sich Begabung und Schwierigkeiten gegenseitig maskieren:

  • Das HKP kann ADHS kompensieren und „überdecken“ (Unterdiagnose).
  • ADHS kann das HKP unsichtbar machen (unzureichende Erkennung des Potenzials).

Die LABDA-Leitlinien weisen auf einen entscheidenden Punkt hin: Bei neuroentwicklungsbezogenen Profilen können bestimmte Fähigkeiten (Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit) anfälliger sein und globale Indizes nach unten ziehen, wodurch das Hochbegabungsprofil weniger klar erkennbar wird.

ADHS + hohes kognitives Potenzial (HKP): Vorsicht vor Über- und Unterdiagnosen

Die Leitlinien betonen ein doppeltes Risiko:

Überdiagnose: Verhaltensweisen wie Ungeduld, Langeweile sowie kritische/überlegene Haltungen können ADHS ähneln, ohne dass tatsächlich ADHS vorliegt (oder ohne dass es in einem durchgängigen, situationsübergreifenden Ausmaß vorliegt).

Unterdiagnose: ADHS kann übersehen werden, wenn der Jugendliche in „günstigen“ Aufgabenbereichen gut funktioniert oder kompensatorische Strategien nutzt, die mit dem hohen kognitiven Potenzial (HKP) zusammenhängen.

Operative Empfehlung (LABDA): Bei ADHS sollten zusätzlich Beobachtungsskalen und strukturierte Interviews eingesetzt werden, statt sich ausschließlich auf neuropsychologische Tests zu verlassen. Zudem ist das intraindividuelle Profil sorgfältig zu interpretieren (Unregelmäßigkeiten, Kontrollabbrüche, Variabilität).

Diagnostische Vertiefung: Was nicht fehlen sollte

Eine 2E-Abklärung sollte Folgendes umfassen:

  • Grundlegende schulische Fertigkeiten: Lesen, Schreiben, Mathematik;
  • Kognitive Funktionen mit Fokus auf häufig vulnerable Bereiche: Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit;
  • Gezielte Maße zu Kontrolle/Inhibition und Impulsivität bei ADHS;
  • Motivationale, emotionale und relationale Dimension;
  • Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte zu Stärken und Schwierigkeiten.

In der Rückmeldung nie „nur die Diagnose“: Es braucht Stärken + Schwächen + konkrete, umsetzbare Ziele für Zuhause und Schule.

Wie damit umgehen: allgemeine Leitlinien

Ein wirksamer Ansatz ist maßgeschneidert und auf Stärken und Talente ausgerichtet. Begabung ist eine Disposition, die durch Engagement und Erfahrung wächst („Growth Mindset“). Dafür braucht es ein Umfeld, das sicher und wertschätzend ist, asynchrone Entwicklung toleriert, geringen Zeitdruck ermöglicht und gute soziale Beziehungen fördert. Wichtig ist zudem, Interessen zu erkennen und Enrichment in Inhalten/Zielen/Prozessen vorzusehen, ohne die vulnerableren Fähigkeiten zusätzlich zu belasten.

Der „Anti-Burnout“-Punkt:
Übermäßige Anforderungen und Druck vermeiden: Die Motivation sollte intrinsisch bleiben – nicht durch „Angstschübe“ angetrieben.

Schule: Was tun – und was vermeiden

Profil erkennen: In Betracht ziehen, dass ein Schüler mit auffälligem Problemverhalten ein hohes kognitives Potenzial (HKP) haben kann. Häufige Merkmale kennen: Widersprüchlichkeit, wechselndes Verhalten in der Peergroup, Kritizismus/Opposition gegenüber Lehrkräften, Ablenkbarkeit und Überaktivierung.

Die Spirale „könnte, will aber nicht“ vermeiden: Das klingt pädagogisch – ist aber oft nur eine elegante Art zu sagen: „Wir haben das Profil noch nicht verstanden.“

Ein spezifischer Förderplan (PDP) oder IEP/PEI für 2E – je nach Komorbiditäten: Kein „Collage-PDP“ nach dem Motto begabt + LRS/ADHS. Häufig ist ein schlanker, konkreter und zielgerichteter Plan sinnvoller, der wenige zentrale Stärken/Schwächen und klare Maßnahmen benennt.

Praktische Empfehlungen:

  • Tempo und Abwechslung erhöhen, wenn Langeweile droht;
  • Metakognition und konsistente Strategien fördern (v. a. im vulnerablen Bereich);
  • Aktives Lernen und Selbstbestimmung unterstützen (geleitete Wahlmöglichkeiten);
  • „Hochwertige“ und motivierende Gelegenheiten schaffen (Schülerzeitung, Theater, Kulturprojekte), die Kompetenzen sichtbar machen.

Dott.ssa Ilaria Obbili
Direttrice sanitaria PECOM
Psicoterapeuta

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